Felix Klein to H. Poincaré

[16.04.1899]

Geehrter Freund!

Heute schreibe ich Ihnen wegen des in Zürich für 1897 geplante internationalen mathematischen Congresses. Hr. Littré hat hierüber von einiger Zeit Mitteilungen an uns gelangen lassen, deren zufolge Sie jetzt dem Projecte günstiger gegenüber stehen sollen, als vielleicht früher, und, Hr. [College] Geiser sich bereit erklärt hat, gegebenen falls die Sache in die Hand zu nehmen. Wir haben diese Mitheilung im Vorstand der deutschen math. Vereinigung berathen* und ich bin daraufhin beauftragt worden, mich mit Ihnen und Ihren Collegen in dieser Sache in directe Beziehung zu setzen. Die frage für uns ist, ob Sie wirklich voll und ganz für das Project eintreten oder nicht. Im ersteren Falle würde der Vorstand der math. Vereinigung jedenfalls auch positive Stellung nehmen, insbesondere bereit sein sich demnächst an etwaigen Vorberathungen zu betheiligen (um auf Grund derselben die Angelengenheit bei der Ende September stattfindenden Jahres Versammlung der Vereinigung eventuel zu vertreten). Im anderen Falle würden wir von vornherein ablehnen. In der That besteht darin ja die Gefahr, dass die wissenschaftlich führenden Mathematicker auf dem Congress nur in geringer Minderheit vertreten sein möchten, was wir nicht als [würntens] werth ansehen können.

[Darf ich] von mir persönlich vielleicht noch folgende Bemerkungen zufügen. Es ist jetzt gerade ein Jahr, dass ich mit Hrn. Picard über dieselbe Angelegenheit correspondierte Wir waren damals Beide, wie übrigens auch die Züricher Herren, die ich persönlich sprach, für die Sache nicht sonderlich [enthusiastisch]. Dabei wirkte wohl etwas Congressmüdigkeit mit, andererseits aber auch die Furcht, vielleicht selbst zu viele Vorbereitungsarbeit übernehmen zu müssen. Wenn sich die Züricher Herren jetzt bereit erklären, die Sache in die Hand zu nehmen, so ist damit für uns Andere ein grosser Theil dieser Besorgnisse weggeräumt. Wir haben dann nicht mehr das Recht, unsere subjectiven Stimmungen in erster Linie [mitsprechen] zu lassen. Dann aber muss ich sagen (wie ich dies schon in der Eröffnungssitzung des Chicagoer Congresses aussprach), dass wir Mathematiker uns auf die Dauer dem Zuge der Zeit, welcher die Vertreter [anderer] Fächer zu internationalen Congressen zusammengeführt hat, nicht werden widersetzen können. In der That ist die Zahl der wissenschaftlichen Mitarbeiter und der Länder, aufwelche dieselben vertheilt sind, nachgerade so gross geworden, dass eine Organisation eintreten muss, wo früher die persönliche Bezugnahme der Einzelnen genügte.

Mit vielen Empfehlungen bin ich Ihr sehr ergebener

F. Klein

* Derselbe besteht zur Zeit aus den Herren Brill (Vorsitzender), v. Escherich, Gutzmer, Wangerin, Weber und mir.

ALS. MS F. Klein VII J, Niedersächsische Staats- und Universitätsbibliothek, Handschriftenabteilung. Transcrit par A. Csiszar.

Time-stamp: "4.05.2019 00:52"